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Thomas Ender
Gletscher
um 1830
Öl auf Leinwand, 38,5 x 53,5 cm
Erworben aus Mitteln der Freien Hansestadt Bremen (Stadtgemeinde) 1965
Inv. Nr. 915-1965/12
Zerklüftete Eiszungen ragen ins Bild und formen einen tiefen, bläulichen Abgrund. Ohne einen überleitenden Mittelgrund sieht man in der Ferne düstere Berge, in denen sich Nebelwolken verfangen haben. Die Komposition gibt vermutlich keine gesehene Situation wieder, sondern sie fügt verschiedene Elemente absichtsvoll zusammen. Zahlreiche Pentimente zeugen von einer schrittweisen Zuspitzung im Laufe des Entstehungsprozesses, während die breite, lockere Malweise zeigt, daß es sich um eine Ölskizze und nicht um ein vollendetes Gemälde handelt.
Das Bild spricht die Sprache der Romantik, die in der Natur einen Spiegel menschlicher Gemütsregungen sah. Der steile Abgrund, der an Caspar David Friedrichs Kreidefelsen auf Rügen erinnert, die Bewegung der dunklen Wolken, der Blick in die Ferne – diese romantischen Motive appellieren direkt an das Gefühl des Betrachters, der der Natur unmittelbar ausgeliefert ist.
Das Bild ist nicht signiert. Wegen des Gletschermotivs hat man es Thomas Ender (1793–1875) zugeschrieben. Dieser hatte als Kammermaler des Erzherzogs Johann den Auftrag, die österreichischen Alpen systematisch darzustellen. Er malte zahlreiche Aquarelle, in denen er die Bergwelt minutiös festhielt. Darunter waren auch viele Darstellungen von Gletschern.
Der Ort des Bremer Gletschers ist jedoch nicht topographisch bestimmbar wie die Alpenaufnahmen Enders. Vor allem aber unterscheidet sich das bizarre Gletscherbild der Kunsthalle in Komposition und Handschrift grundsätzlich von den bekannten Aquarellen Enders. Die Zuschreibung an diesen Maler ist daher sehr zweifelhaft.

Gletscher von Thomas Ender (?)
Gletscher
Gletscher bilden sich oberhalb der Schneegrenze, wo mehr Schnee fällt als im Jahresdurchschnitt wieder taut. In diesem Nährgebiet bildet sich durch wiederholtes Auftauen und Gefrieren und die Komprimierung durch den Druck der darüber lagernden Schneemassen aus Schnee über Zwischenstufen wie Firn schließlich das bläuliche Gletschereis. Dieses wird mit zunehmender Mächtigkeit am Grunde plastisch verformbar und kann somit der Schwerkraft folgend als Gletscher talwärts fließen. Im Zehrgebiet beginnt der Gletscher zu schmelzen. Bei dem von Ender dargestellten Gletscher handelt es sich um einen Talgletscher, der den meisten von uns aus den Alpen bekannt ist. Ein Talgletscher besteht aus einer Firnmulde, die dem Nährgebiet entspricht und der dem Zehrgebiet entsprechenden Gletscherzunge. Diese folgt in ihrem Verlauf einem Tal, das sie ausfüllt und erodiert. Die Fließgeschwindigkeiten von Gletschern variieren stark; beim Rhonegletscher wurden mehr als 100 Meter, beim grönländischen Karajakgletscher 6,5 Kilometer pro Jahr gemessen. Bedingt durch den unregelmäßigen Untergrund und interne Spannungen kann die Eismasse zerreißen, es entstehen Gletscherspalten, die in Längs-, Quer- und Randspalten unterschieden werden. Fließt der Gletscher über eine größere Unebenheit, kann er oberflächlich so aufreißen, dass man von einem Gletscherbruch spricht. Die Schmelzwässer der Gletscher treten durch die Gletschertore ins Freie und sind häufig Quellgebiete großer Flüsse. Aus dem angehäuften Verwitterungsschutt der angrenzenden Felswände entstehen die Seitenmoränen. An seiner Stirnseite schiebt der Gletscher die Endmoräne vor sich her. Die Moränen markieren nach dem Abschmelzen des Gletschers seine Ausdehnung.

