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Kalte Quellen im Golf von Mexiko
von Gerhard Bohrmann, Heiko Sahling und Fritz Abegg
Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen
Dieser Artikel erschien in der Broschüre "20 Jahre Fachbereich Geowissenschaften - Einblicke in die aktuelle Forschung", herausgegeben vom FB Geowissenschaften der Universität Bremen im Mai 2006.
Zusätzlich zu dem Wasser der Ozeane existieren große Wassermengen in den darunterliegenden Sedimenten und Krustengesteinen. Aufgrund unterschiedlicher geologischer Prozesse können die Fluide an Kalten Quellen, häufig als Cold Seeps oder Cold Vents bezeichnet, am Meeresboden austreten. Diese sind im Unterschied zu den Heißen Quellen der Hydrothermalsysteme durch deutlich geringe Temperaturen gekennzeichnet. Während an Hydrothermalquellen der Mittelozeanischen Rücken Temperaturen von 100-400°C auftreten sind Fluide der Kalten Quellen nur durch geringe Temperaturerhöhungen von wenigen Grad über den Bodenwassertemperaturen charakterisiert. Auch sind die Austrittsgeschwindigkeiten an Cold Seeps deutlich geringer als an Hydrothermalquellen. Trotzdem sind die Kalten Quellen für den Stoffhaushalt des Ozeans von globaler Bedeutung. Weiterhin sind die aktiven Fluidaustrittsstellen der Kalten Quellen in Wassertiefen von mehr als 300-400 m durch speziell angepasste Ökosysteme gekennzeichnet, die chemische Verbindungen mit Hilfe der Chemosynthese zum Leben nutzen. Die chemische Energie wird dabei entweder direkt aus den Kohlenwasserstoffen, wie z.B. Methan, von in Symbiose lebenden Bakterien gewonnen oder indirekt über die anaerobe Methanoxidation in Form von Schwefelwasserstoff.
Der nördliche Golf von Mexiko
Der Golf von Mexiko ist nach den ersten Entdeckungen der Cold Seeps in den frühen 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Untersuchungsgebiete aktiver Fluidaustrittstellen geworden. Er ist Teil eines Mittelmeeres, welches sich als Becken während der letzten 240 Millionen Jahre entwickelt hat, in dem mehr als 10 km mächtige Sedimente unterschiedlicher Faziesräume abgelagert wurden. Mächtige jurassische Salzablagerungen entlang des nördlichen Kontinentalrandes und im Süden in der Campeche Bucht spielen aufgrund ihrer Halokinese und den damit verbundenen Kohlenwasserstofffallen eine wichtige Bedeutung für die Erdöl- und Erdgasgewinnung. Solche Salzstrukturen sind aus Texas und Louisiana an Land bekannt und reichen über den Schelf und einen sehr breiten und extrem flach einfallenden Kontinentalhang bis an den Kontinentalfuß, wo die Salzablagerungen des nördlichen Golfs in einer Salzkissenfront enden. An den Flanken der Salzdiapire und Salzwälle, sowie im Dachbereich treten Kohlenwasserstoffe in Form von Fluiden und Gasen entlang von Störungssystemen zum Meeresboden aus, wo sie aktive Seepgebiete nähren. Das am ältesten bekannte Seep im Golf von Mexiko ist Bush Hill im Pachtblock Green Canyon 185 welches u.a. durch seine gewaltigen Büschel von Bartwürmern (Vestimentifera) charakterisiert ist. Die Bartwürmer bilden neben den Muscheln die bedeutendsten Organismengruppen, welche mit chemoautotrophen Bakterien in Symbiose leben und so die reduzierten Fluide der Cold Seeps für ihren Stoffwechsel nutzen. Im nördlichen Golf sind heute etwa 50 Seeps aus Beobachtungen mit Tauch-Booten und -Robotern bekannt, wobei die Zahl der tatsächlich vorkommenden Seeps mindestens 10 mal so hoch liegt, wenn man die aus Satellitenbeobachtungen bekannten Ölteppiche zugrunde legt, die sich permanent auf der Wasseroberfläche nachweisen lassen. Solche natürlichen Ölteppiche entstehen aus Öltropfen, die sich vom Meeresboden lösen, durch das Wasser aufsteigen und auf der Meeresoberfläche durch eine hauchdünne Lage die Wasseroberfläche glätten, so dass ihr Auftreten und ihre Verdriftung auf Satelliten-Bildern auskartiert werden kann.
Links: Eiswurm Hesiocaeca methanicola (Fisher and MacDonald, 2000). Rechts: Eiswürmer im Gashydrat (Ian MacDonald, TAMU Corpus Christi)
Neben den Seep-spezifischen Organismen treten auch Mineralausfällungen auf, die unterschiedliche Formen von authigenen Festgesteinen bilden. Dies sind Karbonatformationen aus Aragonit und Magnesium-Calcit und hauptsächlich Baryt (Bariumsulfat), der in Form von Kaminen, Krusten und unregelmäßigen Ausfällungen auftritt. Der Austritt von freiem Gas an den Kalten Quellen sorgt auch dafür, dass massive Gashydrate, feste eisähnliche Verbindungen aus Gas und Wasser, am Meeresboden gebildet werden. Während reines Gashydrat weiß ist, färben Öle und Bitumen, die in den Poren der Gashydrate vorkommen, die Gashydrate gelb. Ein exotischer Vertreter der spezifisch angepassten Lebensform der Kalten Quellen ist der Eiswurm Hesiocaeca methanicola, der bisher nur in Nischen von Gashydratoberflächen aus dem Golf von Mexiko bekannt ist und bis heute in keiner anderen Region nachgewiesen werden konnte. Warum der Eiswurm dort lebt und welche spezielle Anpassung er an Gashydrate hat, ist bisher nicht geklärt.
Asphaltquellen des südlichen Golf von Mexiko
Eine besondere Form von Kalten Quellen wurde kürzlich im Zusammenhang mit großflächigen Austritten von Asphalt am Meeresboden entdeckt. Wie der nördliche Golf ist die Bucht von Campeche westlich der Halbinsel Yukatan durch Salztektonik im Untergrund bestimmt, welche mit Kohlenwasserstoffreservoiren assoziiert ist. Ein zusammenhängendes Salzgebiet reicht von Land aus zungenförmig nach Norden über den Kontinentalhang bis in das Zentrum der Tiefseeebene und umschließt die so genannten Sigsbee-Tiefseehügel. Während einer Expedition mit dem Forschungsschiff Sonne wurde im unteren Hangbereich ein fast 7000 km2 großes Gebiet mit dem Fächerecholot detailliert kartiert. Diese neue Meeresbodentopographie zeigt, dass die Campeche Tiefseehügel längliche topographische Erhebungen über Salzstrukturen von 5-10 km Länge und 450-800 m Höhe darstellen. An 9 von 22 Tiefseehügel wurden deutliche Krater und Abbruchkanten mit Störungszonen und Rutschungen kartiert. Videobeobachtungen an einem Tiefseehügel zeigten ausgedehnte Oberflächenbedeckung mit erstarrtem Asphalt, welcher sich vom südlichen Rand des Kraters ausgebreitet hat. Die Asphaltlagen sind unterschiedlich in der Oberflächenrauhigkeit, wobei oft mehrere Lagen mit verschiedener Oberflächengestaltung wie unterschiedlich alte Lavaflüsse übereinander gestapelt sind. Auch einzelne Flüsse mit radialen Bruchstrukturen wurden beobachtet. Insgesamt wurden Asphaltflüsse über eine Fläche von mehr als einem Quadratkilometer nachgewiesen.
Links: verschiedene Asphaltlagen überandergestapelt. Rechts: Bartwürmer besiedeln Asphalt am Meeresboden (RCOM / Uni Bremen)
Aufgrund der großen Verbreitung von Asphalt wurde der Hügel mit dem Namen Chapopote benannt, welches in der Aztekensprache das Wort für Asphalt bedeutet. Die Assoziation des Asphaltes mit den Krater- und Rutschungsstrukturen und die morphologische Ähnlichkeit der Asphaltlagen mit magmatischen Lavaflüssen hat dazu geführt, dass der Begriff Asphaltvulkanismus eingeführt wurde, ohne dass der Prozess des Asphaltaustrittes bisher verstanden ist.
Die Videountersuchungen der Asphaltflüsse zeigten, dass diese vielfach von Bartwürmern besiedelt sind, die in Rissen und unter den Asphaltlagen wurzeln bzw. sogar teilweise von Asphalt umflossen wurden. Chemosynthetische Muscheln der Familien Vesicomydae, Solemyidae, Mytilidae sind, neben einer heterotrophen Fauna, wie z.B. galatheide Krebse und Holothurien, zwischen den Asphalt-Ablagerungen weit verbreitet. Proben aus einem Greifer zeigen, dass ölhaltige Sedimente und Gashydrate mit den Seeps assoziiert sind, denen möglicherweise bei dem Prozess des Asphaltvulkanismus wichtige Bedeutung zukommt. Die detaillierte Entstehung des Asphaltvulkanismus, der aufgrund vieler Indizien wohl im südlichen Golf eine größere Verbreitung hat, und die Besiedlung durch chemosynthetische Organismen ist allerdings noch nicht geklärt und Gegenstand weiterer aktueller Forschung.
Weiterführende Literatur und Webseiten:
MacDonald et al., 1996; National Geographic Magazine, 190(4), 8697
MacDonald et al., 2004; Science, 304, 999-1002
http://www.gomr.mms.gov/homepg/regulate/environ/chemo/chemo.html
http://www.bio.psu.edu//cold_seeps/index.html

Bartwürmer der kalten Quellen (Ian MacDonald, TAMU Corpus Christi)

Öltropfen am Meeresboden (Ian MacDonald, TAMU Corpus Christi)

Karte der Tiefseehügel der Campeche Bucht in einer Wassertiefe von ca. 3000 m (RCOM / Uni Bremen)

Weißes Gashydratstück (RCOM / Uni Bremen)





